Warum bin ich traurig, wenn ich der glücklichste Mensch der Welt sein sollte?!

„Ich bin gerade Mama geworden und sollte der glücklichste Mensch der Welt sein. Aber: es ist alles anders! Ich könnte heulen. Ich sehe mein Baby und es kommen keine Glücksgefühle auf. Ich habe keine Energie. Würde mich am liebsten im Bett umdrehen und die Welt ausblenden…..“

So geht es mancher frisch gebackener Mama. Die Folge: Sie ist zutiefst verunsichert! „Was ist mit mir los!?“ „Ich bin ein Versager!“ „Ich bin eine undankbare Rabenmutter!“ Dies sind nur einige der Gedanken, mit denen sich die betroffenen Frauen quälen. Wir möchten die betroffenen Mütter beruhigen. Trösten. Auffangen. Und aufklären. Denn wenn sie wissen, was mit ihnen los ist, tröstet das doch ein ganzes Stück.

Wir haben uns mit Michèle Liussi, Psychologin und Familienbegleiterin, unterhalten.

Was ist eine Wochenbett-Depression? Was passiert da mit einer jungen Mutter? Wie äußert sich eine Wochenbettdepression?

Die Wochenbettdepression ist eine psychische Erkrankung, die Frauen im ersten Jahr nach der Geburt eines Kindes treffen kann. Daher der Name. Derzeit ist nahezu jede 5. Mutter davon betroffen. Meistens passiert es nicht einfach, es entwickelt sich schleichend: Es machen sich Antriebslosigkeit und Erschöpfung breit, die Mütter fühlen sich traurig oder sehr gereizt. Sie können nicht schlafen, grübeln und sorgen sich viel. Viele Mütter berichten von einem Gefühl der Leere und großer Schuld, weil sie das Mamasein nicht genießen und kein übersprudelndes Glück empfinden. Die Schuldspirale verstärkt dann die Symptome zusätzlich.

Wichtig ist auch folgende Unterscheidung: der Baby Blues (die sogenannten Heultage) treten in den ersten Tagen nach der Geburt auf und sind auf die hormonelle Umstellung zurückzuführen. Das Gefühlschaos trifft bis zu 80% der Mütter nach der Geburt und vergeht von allein.

Warum sind manche Frauen betroffen und manche gar nicht?

Dafür spielen, wie bei den allermeisten psychischen Erkrankungen, sehr viele Dinge eine Rolle: jeder Mensch hat Risiko- und Schutzfaktoren. Risikofaktoren für die Entstehung einer Wochenbettdepression sind beispielsweise bestehende psychische Erkrankungen, traumatische Vorerfahrungen, ein belastendes soziales Umfeld, stark ausgeprägter Perfektionismus und eine unglückliche Partnerschaft. Ebenso bedeutend sind der Verlauf der Schwangerschaft, der Geburt und des Wochenbetts. 

Schutzfaktoren sind eine gute psychische Widerstandskraft sowie viel Unterstützung und Wertschätzung aus dem Umfeld und der Partnerschaft. Frauen, die offen über ihre Erfahrungen und Belastungen sprechen, schützen sich intuitiv und erhalten mehr Hilfe im Gegensatz zu Frauen, die sich aus Scham zurückziehen.

Wie kann eine Betroffene reagieren?

Der erste Schritt ist die Erkenntnis: Es geht mir nicht gut. Es hilft, mit dem Partner oder jemand vertrautem darüber zu sprechen, um herauszufinden, was los ist. Die Hebamme oder der Gynäkologe/die Gynäkologin sind gute Ansprechpartner*innen dafür. Es gibt auch einen guten, anerkannten Test, die EPDS-Skala, den man (online) ausfüllen kann, wenn man sich unsicher ist. Fehlt die Kraft sich selbst Hilfe zu suchen, kann man den Partner oder eine Freundin bitten, das in die Hand zu nehmen.

Michèle Liussi ist Psychologin und Familienbegleiterin bei den „Frühen Hilfen“. Dort unterstützt sie Frauen, die im ersten Jahr ihrer Mutterschaft unter starken (psychischen) Belastungen leiden. Sie ist Mutter eines dreijährigen Sohnes und lebt in Tirol.

Katharina Spangler arbeitet als selbstständige Lektorin und Texterin in Süddeutschland. Nach der Geburt ihres jüngsten Sohnes erkrankte sie an einer Wochenbettdepression.

Zusammen haben sie das Buch „Die Klügere gibt ab“ geschrieben – ein Kraftpaket für Mütter voll gepackt mit Werkzeugen für mehr Mamafürsorge, einem Bauplan für ein persönliches Unterstützungsnetz und nützlichem Wissen rund um psychische Belastungen und professionelle Hilfsangebote.

Warum sollte sie sich nicht grämen oder schämen? Warum sollte sie sich auf jeden Fall keine Schuld geben?

Das hängt mit dem zusammen, was schon zur Entstehung der Wochenbettdepression gesagt wurde: Es spielen sehr viele Faktoren eine Rolle, dass es zu einer psychischen Erkrankung kommt. Und sehr viele davon liegen nicht in unserer Hand. Es gibt genetische Einflüsse auf die persönliche psychische Belastbarkeit. Die können wir genauso wenig kontrollieren, wie den Umstand, ob wir in unserer bisherigen Lebensgeschichte etwas traumatisches erlebt haben. Psychische Erkrankungen sind nichts, wofür man sich schämen muss, und nichts, womit die Frauen allein sind. Wie gesagt: jede 5. Mutter ist betroffen! Lässt man die Scham sinken und spricht über die Schattenseite der Mutterschaft, wird das sehr schnell deutlich.

Wie kann und sollte das Umfeld, der Partner, reagieren?

Das wichtigste würde ich in einem unterstützenden Umgang sehen. Der Blick sollte darauf gelegt werden, wo die junge Mutter entlastet werden kann, damit sie zum Beispiel zur Therapie oder einer Selbsthilfegruppe gehen kann oder damit sie ausreichend Schlaf bekommt. Die Schuldfrage ist müßig, der Blick auf Mutter und Kind ist wichtig. Was brauchen die beiden? Wie kann man sie unterstützen? Wo kann Raum für die Genesung der Mutter und das Entstehen der Mutter-Kind-Bindung geschaffen werden? Und welche Grenzen der Mutter oder der jungen Familie sind zu respektieren, damit sie gesund werden können?

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Hilfe holen? Wie? Wo?

Die Wochenbettdepression ist eine sehr gut behandelbar psychische Erkrankung. Und da sie weit mehr Mütter trifft, als man landläufig annimmt, gibt es inzwischen auch viele Hilfsangebote. Der erste Kontakt geht sehr häufig über die Hebamme, die regional sehr gut vernetzt ist, die ansässige Hausarztpraxis oder die Gynäkolog*innen. Auch Familienberatungsstellen oder der Verein Schatten & Licht e.V. helfen sehr gern weiter. In Deutschland und Österreich sind auch die Frühen Hilfen verbreitet – das ist ein Begleitungsangebot für junge Mütter und Familien, das sich die gesamte Familiensituation anschaut und versucht gezielt Unterstützungsangebote zu vermitteln. Eine Übersicht zu den Hilfsangeboten findet sich auf unserer Website: www.mamafuersorge.com

Gibt es Mittel und Wege, diese Depression zu vermeiden oder dann ganz schnell wieder loszuwerden?

Das ist sehr schwer zu beantworten, weil Schwere und Verlauf sehr unterschiedlich sind. Was das „Loswerden“ angeht: die Wochenbettdepression ist sehr gut psychotherapeutisch und/oder psychiatrisch behandelbar. Man bleibt jedoch in der Regel ein Leben lang etwas anfälliger für psychische Belastungen und muss gut auf seine mentale Gesundheit achten. Was das „Vermeiden“ angeht: Da wären wir wieder bei der Schuldfrage. Wäre sie „vermeidbar“, dann könnte man sich auch schuldig machen, nicht gut genug vorbereitet gewesen zu sein.

Daher möchten wir hier lieber antworten: Man kann Rahmenbedingungen schaffen, die schützen, die die persönlichen Schutzfaktoren stärken. Ein gutes soziales Netzwerk, das die Last mit trägt, zum Beispiel. Wie man sich dieses Netz knüpft, haben wir in unserem Buch „Die Klügere gibt ab“ Schritt für Schritt beschrieben. Ein offener und ehrlicher Austausch über die eigenen Belastungen schützt ebenfalls. Und sich frühzeitig Hilfe holen, aus der Scham- und Schuldspirale ausbrechen. Für sich selbst und für die Familie.


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