“Wegen Umbau geschlossen!“ Ich liebe diesen Ausdruck. Genau so fühlt man sich als Mama, wenn die Tochter pubertiert, zickt und unerreichbar scheint.

In der Pubertät ist für Mädchen plötzlich alles anders: Sie sind keine Kinder mehr, aber auch noch nicht erwachsen – sie sind „in between“. Eine ungewohnte Situation für die ganze Familie – und manchmal auch ganz schön kompliziert. Eine herausfordernde Zeit für Teenager – aber auch für deren Eltern. Nur: Wie gehe ich mit meinem Teenager um? Auf Konfrontation setzen – “Solange du deine Füße unter meinen Tisch setzt….!” – oder doch lieber auf Verständnis?

Judith Bildau klärt auf.


Judith Bildau
ist Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe, Mutter von fünf Töchtern und erfolgreiche. Influencerin.

Ihre Bücher:

Deine Mädchensprechstunde
erscheint am 15.09.2022
Mit meiner Tochter durch die Pubertät
ist bereits erhältlich. 


mampa:

Vielleicht erklären wir einer hilflosen Mama (und dem Papa natürlich auch) was hier gerade bei Töchterchen passiert. Wie Sie schon schreiben: Es handelt sich nicht nur um ein paar kleinere Reparaturen. Es ist ein Total-Umbau.

Judith Bildau: 

Ja, genau, so ist es tatsächlich! Es handelt sich während der Pubertät nicht nur um eine Phase „kleiner Reparaturen“ oder „Anpassungen“, es ist viel mehr! Zunächst entwickelt sich natürlich der Körper; bei den Mädchen entstehen nun plötzlich Kurven, die vorher noch gar nicht vorhanden waren. Das hat vor allem hormonelle Ursachen. Die Brust wächst, die Intimbehaarung beginnt zu sprießen und die Menstruation setzt ein. Das ist schon ganz schön viel und vor allem das, was von außen für andere Personen ersichtlich ist. Aber eben längst nicht alles.

Der fast größere, nicht sichtbare Umbau findet nämlich im jugendlichen Gehirn statt. Ganze Hirnareale strukturieren und verknüpfen sich neu, haben dabei ein ganz unterschiedliches Entwicklungstempo. Einige Bereiche funktionieren schneller „erwachsen“, andere hängen noch eine ganze Zeit hinterher. Ein sehr gutes Beispiel ist hier der Frontallappen: Er funktioniert noch sehr lange recht „kindlich“. Das Problem hierbei ist, dass er nach seiner Ausreifung dazu dient, Gefahren realistisch einzuschätzen und Impulse zu kontrollieren. Gleichzeitig gibt es wichtige Veränderungen im Dopaminhaushalt. Die Jugendlichen haben dadurch Lust auf Abenteuer und neue Erfahrungen. Abenteuerlust, aber noch keine zuverlässige Risikoeinschätzung – eine schwierige Kombination! Es herrscht also im wahrsten Sinne des Wortes ein „absolutes Chaos“ im Kopf unserer Kinder während der Pubertät. Ich finde, es ist wichtig, dass wir Eltern diese Prozesse verstehen. Denn alles, was wir verstehen, flößt uns weniger Angst ein und wir können leichter damit umgehen.

mampa:

Die Rollen innerhalb der Familie verschieben sich.” Diesen Ansatz finde ich besonders spannend. Können Sie das bitte erläutern? Oftmals entsteht während der Pubertät ein „Machtkampf“ innerhalb der Familie: Eltern beharren darauf: „Wir sind hier immer noch tonangebend!” Töchterchen denkt sich: „Die sind doof, die Alten…“ Eigentlich keine gute Kommunikationsebene.

Judith Bildau: 

Wenn sich ein wichtiges Familienmitglied in einem grundlegenden Entwicklungsprozess befindet, stellt das natürlich auch ein gesamtes Familiengefüge auf den Kopf. Vor allem deshalb, weil die Pubertät oft nicht „leise“ und „hinter verschlossenen Türen“ stattfindet, sondern mittendrin im Familienleben. Die Jugendlichen testen ihre Grenzen aus, haben aus oben genannten Gründen häufig Probleme damit, ihre Gefühle unter Kontrolle zu behalten und – ganz wichtig – stellen uns als Eltern immer öfter grundlegend in Frage („Du hast mir gar nichts mehr zu sagen!“). Das alles gehört dazu, schließlich dient die Pubertät hauptsächlich dazu, dass sich unsere Kinder abnabeln und ihren eigenen Weg gehen.

Wenn sie uns als Eltern abwerten, fällt es ihnen leichter, Abstand von uns zu gewinnen. Unsere Regeln werden oft lautstark hinterfragt und mitunter auch missachtet, wir Eltern sind nur noch peinlich und haben sowieso keine Ahnung vom Leben. Das ist natürlich schmerzhaft, schließlich haben wir viele, viele Jahre unser Bestes gegeben und lieben unsere Kinder. Auf einmal erscheinen sie uns fremd und, ja, oft auch richtiggehend unangenehm.

Häufig kommt dann zu dem Eltern-Kind-Konflikt zusätzlich noch ein Konflikt zwischen den Eltern hinzu, ganz nach dem Motto „Du lässt dir immer auf der Nase rumtanzen!“ oder „Du bist viel zu streng und erlaubst ja gar nichts mehr!“. Also eine rundum konfliktgeladene Situation für die Familie. Deshalb ganz wichtig: (Wieder) eine gemeinsame Kommunikationsebene finden! Eltern sollten sich zunächst untereinander einig sein, was sie erlauben oder verbieten und im Anschluss immer wieder das Gespräch mit dem Kind suchen. Wenn die Diskussion hitzig wird, kann es durchaus sinnvoll sein, eine Gesprächspause einzulegen und sich dann neu miteinander zu verabreden.

mampa:

Wie können wir der Tochter durch diese auch für sie schwierige Zeit helfen? Immer nur mit Samthandschuhen anfassen?

Judith Bildau: 

Genau das darf nicht der Trugschluss sein. Denn auch wenn wir als Eltern verstehen, wie verwirrend und oft auch beängstigend die Pubertät für unsere Kinder ist, heißt das noch lange nicht, dass wir sie mit Samthandschuhen anfassen oder ihnen gar alles Recht machen müssen. Unsere Kinder brauchen uns in dieser Zeit als sichere, verlässliche Bezugspersonen, die nicht bei jeder Stimmungsschwankung mitschwingen und die Dinge nicht zu persönlich nehmen. Sie brauchen uns außerdem als wichtige „Leitplanken“. Sie können rein hirntechnisch manche Dinge noch nicht so einschätzen, wie es gut für sie wäre – dafür sind immer noch wir verantwortlich. Dennoch sollten wir uns als Eltern auch immer wieder selbst hinterfragen: Was sind alte Gewohnheiten und was sind wirklich berechtige Sorgen? Welche „alten Regeln“ können wir im Sinne unsere Kindes gemeinsam aussortieren, welche können wir gemeinsam neu aufstellen? Letztendlich ist die Pubertät nicht nur ein wichtiger Entwicklungsschritt für unsere Kinder, sondern auch für uns als Eltern.


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