Der Ausflug zum Spielplatz muss im Reel dokumentiert werden. Gender-Reveal-Parties werden mediengerecht in Szene gesetzt. Die Einheintorte muss für die Followerschar abgelichtet werden. Familien sind nicht mehr für sich. Sie fühlen sich unter Zugzwang, es erfolgreichen Bloogern gleich zu tun. Feilschen um jedes Like. So manche Mama träumt womöglich davon, als Mamabloggerin erfolgreich zu sein und den Account in bare Münze zu verwandeln.

Bianca Kellner-Zotz hat sich dieses Themas angenommen. Sie geht kritisch mit dem neuen Social-Media-Druck um. Wir haben mit ihr gesprochen:

Sie sagen, Familienurlaubsfotos in der Familien-Whatsapp-Gruppe erzeugen einen interfamiliären Wettbewerb. Ist das nicht ein wenig doll? Wir teilen in unserer WhatsApp-Gruppe auch stets Fotos von tollen Familienerlebnissen – aber die anderen freuen sich immer für den anderen….

Es sind nicht nur die Fotos aus dem Urlaub, die den Wettbewerb befeuern, sondern auch die von den Einhorn-Geburtstagskuchen, der selbst gebastelten Schultüte oder dem Geige spielenden Kind. Aber der Urlaub ist sehr plakativ, schon allein aufgrund des Settings, von verschneiten Bergen bis zum Palmenstrand. Natürlich ist es zum Beispiel für die Großeltern eine Freude, einen (!, nicht 20) bebilderten Urlaubsgruß zu bekommen.

Aber was hat der gesamte Freundes- und Bekanntenkreis davon? Wenn man selbst zu Hause im Regen sitzt, erwecken die inszenierten Aufnahmen oft Defizit-Gefühle: „Wow, die sind schon wieder mit dem Flieger weg, wir können höchstens mit dem Wohnwagen nach Kärnten…“

Wir sollten uns fragen, warum wir das Bedürfnis haben, sämtliche Erlebnisse zu visualisieren und in die Öffentlichkeit zu tragen. Ich glaube, wir messen dem Außen im Zuge der Medialisierung viel zu viel Bedeutung zu. Und: Ich wäre mir nicht so sicher, dass sich die anderen immer für einen freuen. Meine Interviews deuten eher in eine andere Richtung.

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Anders ist das womöglich mit öffentlich geteilten Happy-Go-Lucky-Fotos auf Social Media. Können wir unser Leben noch ohne medialen Applaus genießen?

Ich würde sagen, es fällt uns zusehends schwer, ohne eine anständige Portion Aufmerksamkeit glücklich zu sein. Das macht mir Sorgen, denn damit geht eine Werteverschiebung einher. Familie sollte ein intimer Rückzugsort sein, keine Bühne. Je stärker die Medialisierung die Familie erfasst, desto weniger Möglichkeiten haben wir, uns in unserer Individualität zu entwicklen. Statt dessen spielen wir das Spiel mit.

Der Knackpunkt für mich ist: Kapitalismus und Mediengesellschaft haben uns gelehrt, dass wir nur wertvoll sind, wenn wir ständig etwas leisten. In der Social-Media-Welt misst man Leistung in Klicks und Likes. Das haben wir verinnerlicht. Jeder Daumen hoch verschafft uns Selbstwertgefühl. Dabei könnten wir auch ohne den ganzen Hype stolz auf uns sein. Familie ist ein Knochenjob, der höchste Achtung verdient. Wenn die Gesellschaft der Familienarbeit mehr Respekt entgegenbringen würde, wären wir nicht so anfällig für die Verlockungen des Aufmerksamkeitsregimes.


Bianca-Kellner-Zotz ist Kommunikationswissenschaftlerin, Autorin, Journalistin, Hochschuldozentin und Mutter von zwei Kindern.

In ihrer Dissertation hat sie sich wissenschaftlich mit dem Thema „Das Aufmerksamkeitsregime – wenn Liebe Zuschauer braucht“ auseinandergesetzt, das sie nun in ihrem Buch #APPY FAMILY einem breiten Publikum, allen voran Eltern, zugänglich machen möchte. Bianca Kellner-Zotz wohnt im Raum München.


Früher konnte eine Familie einen Ausflug einfach genießen. Auf sich reduziert. Womöglich eins mit der Natur. Heute muss das Erlebnis für die Follower festgehalten werden. „Renn nochmal die Wiese runter…“-Anweisungen an den Spross…  Was macht das mit einer Familie? Und was lernen die Kinder dabei?

Ich glaube nicht, dass früher alles besser war. Jeder von uns erinnert sich doch an schreckliche Sonntagsspaziergänge. Genervte Eltern, maulige Kinder, das gab es früher wie heute. Aber man musste wenigstens nicht so tun, als sei alles prima. Es hat ja keiner mitbekommen, wenn ein Trip völlig in die Hose gegangen ist. Heute ist der Druck größer. Der Ausflug muss gelingen, etwas Besonderes, Aufregendes, gut Ausgeleuchtetes sein. Selbst wenn es nicht so toll war, lässt man das Kind eben nochmal die Wiese runterrennen, damit man das fotografieren kann. Das Glück muss man sehen.

Ich glaube, dieser Druck setzt die Familien unter Stress. Der Visualisierungsanspruch kostet Zeit und Kraft. Entscheidend ist aber vor allem, was es mit unseren Kindern macht. Die lernen nämlich, dass man nicht mehr ohne Handy in den Wald gehen kann, sondern dass man jedes Erlebnis festhalten, dokumentieren, in die Öffentlichkeit tragen muss. Auf die Dauer fördern wir hier einen ungesunden Narzissmus.

„Herr je, ist mein Familienleben öde…!“ denkt sich manche Mama, mancher Papa, wenn er die Insa-Accounts voller Erlebnisse anderer Familien verfolgt. Liegt ein erfüllter Familienfrieden darin, dass eine publik ausgetragene Freizeitbeschäftigung die nächste jagt?

Sämtliche Gespräche, die ich geführt habe, deuten genau in die andere Richtung. Die Familien, die einen weniger vollen Freizeitkalender hatten, waren zufriedener. Damit einher ging allerdings auch ein niedrigerer Medienkonsum.

Wer weniger in den Sozialen Medien unterwegs ist und sich in einem Umfeld bewegt, das nicht so viel Wert auf Profilbilder oder Status-Meldungen legt, leidet nicht so sehr unter sozialem Vergleichen und kann eher auf die eigene Stimme hören. Ist es mir wirklich wichtig, jedes Wochenende in ein Spaßbad oder einen Freizeitpark zu fahren? Brauchen meine Kinder das? Interessant fand ich, dass die Mütter von herrlichen Wochenenden erzählten, an denen die Kinder den ganzen Tag im Schlafanzug Lego gespielt haben. Solche Gelegenheiten ergeben sich nur, wenn wir uns den nötigen Freiraum dafür geben.

Profibloggerinnen machen es vor: Das Haus ist geleckt, die Kinder stets frisiert, hübsch gekleidet und brav in die Kamera lächelnd. Warum fährt die Werbebranche so auf diese Fake-Inszenierung ab? Und was macht diese Show-Kulisse mit anderen Müttern?

Blogger sind Medienakteure. Sie orientieren sich an der Medienlogik. Aufmerksamkeit bekommt man bei dem riesigen Medienangebot nur, wenn die Inhalte spektakulär, besonders, personalisiert und inszeniert sind. Wer würde schon die Fotos von Zwillingsmama Ashley Graham anklicken, wenn Frau und Kinder nicht wunderschön und perfekt ins Szene gesetzt wären? Wer will sehen, dass die Kleinen die Mama nach dem Stillen anspucken oder die Windel überläuft?

Wir sehen schönen Menschen gerne zu. Und eigentlich wissen wir auch, dass das eine Scheinwelt ist, die so nicht existiert. Allerdings spielt uns unser Unterbewusstsein einen bösen Streich, indem es uns suggeriert, dass dieses perfekte Leben vielleicht doch möglich ist.

Im Endeffekt geben wir uns die Schuld dafür, dass unsere Wohnung nicht auch so aufgeräumt ist, die Kinder schon wieder bekleckert sind und der Geburtstagskuchen zusammengefallen ist. Deshalb glaube ich auch, dass wir Mütter aufhören sollten, diesen Wettbewerb zu führen. Wir erweisen unseren Mitschwestern einen Bärendienst. Backt den Kuchen, wenn Ihr Spaß dabei habt, aber postet kein Bild davon. Freut Euch für Euch. Dann kann man auch zulassen, dass das Kind mithilft. Das Ergebnis ist vielleicht nicht perfekt, aber man hat Zeit miteinander verbracht und hoffentlich viel gelacht.

Gender-Reveal-Show-Reels. Ultrastall-Fotos unserer Babies. Selbst gebackene Einhorn-Kuchen für den Einjährigen. Und dann private Einblicke in Kinderleben, von denen Kinder später womöglich ganz und gar nicht begeistert sind. Sie schreiben sogar von WLAN-Wünschen der Eltern im Kreißsaal. Warum sind wir so exhibitionistisch? Gibt es eine Chance auf eine Rückbesinnung?

Ich denke, dieser neue Exhibitionismus hat zweierlei Gründe. Zum einen sind wir mit Medien aufgewachsen, wir haben die Medienlogik also gewissermaßen inhaliert. Wir wissen, dass man nur wahrgenommen wird, wenn man etwas Besonderes macht und das entsprechend visualisiert. Das hinterfragen wir gar nicht mehr, es machen schließlich alle so, das gehört dazu. Gleichzeitig haben gerade die Mütter eine große Sehnsucht nach Aufmerksamkeit und Wertschätzung.

Wir sind alle gut ausgebildet, haben vor der Geburt des ersten Kindes oft mehrere Jahre erfolgreich im Beruf gestanden. Plötzlich ist man auf den eignen Körper, das Kind, die Wohnung zurückgeworfen, ist nicht mehr so flexibel wie früher. Aber obwohl die Familienarbeit so anstrengend und wertvoll ist, bekommen die Mütter dafür oft nur geringschätzige Kommentare. Wer sich für ein Kind entscheidet, muss gefälligst glücklich sein, schließlich hätte es auch 1.000 andere Optionen gegeben. Und wer nach einem Jahr nicht wieder an den Arbeitsplatz zurückkehrt, muss sich dafür rechtfertigen. In diesem fast schon feindlichen Umfeld ist die Inszenierung des Familienlebens eine Möglichkeit, die ersehnte Anerkennung zu bekommen. Wenn es uns gelingt, diese Mechanismen zu reflektieren, kann es auch gelingen, aus dem Hamsterrad auszusteigen. 

Woran erkenne ich, ob der Medialisierungs-Wahn mich im Griff hat? Und welchen guten Rat haben Sie an Eltern, die vermeintlich unter Druck stehen, ihr Leben für die Follower-Welt zu dokumentieren?

Man muss sich Zeit nehmen, die eigenen Praktiken zu reflektieren. Zum Beispiel kann man aufschreiben, wie viel Zeit man jeden Tag mit Smartphone, Fernsehen und Co. verbringt und wie oft man mit Partner und Kindern ganz in Ruhe – ohne Handy in der Hand – ohne Zeitdruck redet, spielt oder einfach zusammen ist. Ist es noch möglich, zehn Minuten gedankenversunken an der Bushaltestelle oder im Wartezimmer zu sitzen oder entwicklen wir ohne den Blick auf Instagram schon Entzugserscheinungen?

Wie viele Nachmittage sind mit Fußball, Ballett, Musikschule, Ergotherapie und Nachhilfe verplant? Wie viele Wochenenden haben wir nur für uns? In einem zweiten Schritt kann man sich fragen, was einen am meisten stresst, was man gerne macht und wieso und wie es den Kindern dabei geht. Warum bin ich nur zufrieden, wenn ich ein Bild vom Ausflug gepostet habe? Wäre der Ausflug weniger schön, wenn ich das Handy mal zu Hause lassen würde? Was spricht gegen einen Kindergeburtstag mit Topfschlagen und Würstelschnappen, warum muss es ein Science Lab sein?

Wenn man das Gefühl hat, mit sich im Reinen zu sein, ist alles gut. Das eigene Wohlbefinden ist der entscheidende Faktor. Aber wenn man genervt und überfordert ist, nur noch im Außen lebt und sich selbst nicht mehr hört, dann kann es gut sein, dass es Zeit ist, aus der Aufmerksamkeitsspirale auszusteigen.

Autorin: Maria Burges

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