Julia Sellinat hat 2019 zwei Fehlgeburten kurz hintereinander erlebt. Heute ist sie Mama von drei Töchtern, systemische Coachin und begleitet Frauen dabei, nach einem frühen Verlust wieder Halt zu finden und sich innerlich auf eine neue Schwangerschaft vorzubereiten: mit mehr Vertrauen, Selbstmitgefühl und Raum für alle Gefühle. Im mampa-Interview spricht sie offen über Angst, Vertrauensverlust in den eigenen Körper und den ersten Schritt zurück zu sich selbst.

Julia, du hast selbst zwei Fehlgeburten kurz hintereinander erlebt und bist heute Mama von drei Töchtern. Wenn du an deine Folgeschwangerschaften zurückdenkst: Wie hat sich der Moment angefühlt, als der Schwangerschaftstest nach den Verlusten wieder positiv war? War da Platz für Freude oder war die Angst sofort die lauteste Stimme im Raum?
Ich erinnere mich sehr gut an diesen Moment als ich nach meinen beiden Fehlgeburten erneut einen positiven Schwangerschaftstest in den Händen hielt. Ich habe geweint, vor Freude und Angst gleichzeitig. Sofort schwang die Sorge mit: Was, wenn ich mein Baby wieder verliere? Was kann ich tun, damit es dieses Mal bei mir bleibt? Diese Zerbrechlichkeit und Ungewissheit waren von der ersten Sekunde an da.
In den ersten drei Monaten haben mein Mann und ich uns deshalb so gut es ging abgelenkt und uns emotional nicht zu tief auf diese Schwangerschaft eingelassen – aus reinem Selbstschutz. Im Nachhinein muss ich sagen, dass wir uns damit um drei Monate Schwangerschaft gebracht haben.
Mit dem Wissen von heute würde ich es anders machen. Ich würde mit meinem Baby sprechen, ihm von meinen Sorgen und Ängsten erzählen. Ich würde diese Monate nutzen und einfach schauen, was passiert. Ich würde mich freimachen von Druck und Erwartung an mich selbst. Denn eines weiß ich heute ganz sicher: Ich kann nichts tun, um eine Fehlgeburt zu verhindern – also trage ich auch keine Schuld. Es kommt, wie es kommt.
In den Medien wird eine Folgeschwangerschaft oft als das ‚große, reine Happy End‘ dargestellt. Die Realität sieht für viele Frauen aber ganz anders aus. Warum wird so wenig darüber gesprochen, dass diese Zeit oft ein psychischer Drahtseilakt ist und sich viele Frauen gar nicht trauen, eine frühe Bindung zum Baby aufzubauen?
In den Medien liest sich das gut: Erst der Schmerz nach einer Fehlgeburt, dann die neue Schwangerschaft, die alles wieder gut macht und mit einem Happy End und der Geburt eines gesunden Babys endet. Für die wenigsten Frauen stimmt das so.
Eine Studie im European Journal of Obstetrics & Gynecology and Reproductive Biology fand, dass Frauen nach einer Fehlgeburt in einer nachfolgenden Schwangerschaft häufiger schwangerschaftsbezogene Ängste erleben – insbesondere im ersten Trimester und bei einem kurzem Abstand zur vorangegangenen Schwangerschaft.
Das kann dazu führen, dass Betroffene sich gar nicht erst erlauben, an eine Zukunft mit Kind zu denken: wie das Baby wohl aussehen wird, wie es als Kind auf der Schaukel im Garten sitzt oder am ersten Geburtstag Geschenke auspackt. Das ist völlig nachvollziehbar und ich kenne das von meiner ersten Folgeschwangerschaft nur zu gut.
In unserer Gesellschaft wird Schwangerschaft fast automatisch mit Freude, Erleichterung und purem Glück verknüpft. Auf Instagram wird jede Schwangerschaft gefeiert: Babypartys, Gender Reveals, Babybauchbilder, Reels voller Freude und guter Laune. Da passt der Satz „Freut euch doch einfach und genießt die Schwangerschaft!“ aus dem Umfeld scheinbar perfekt ins Bild. Dieser Druck ist es, der Frauen davon abhält, zu sagen, wie es ihnen wirklich geht. Über die Sorgen und Ängste, gerade nach einem Verlust, wird kaum gesprochen. Wenn eine Frau stattdessen sagt: „Ich kann mich noch gar nicht richtig auf dieses Baby einlassen“, fühlt sie sich schnell wie eine schlechte Mutter in spe und schweigt lieber. Dabei ist es so wichtig, dass Frauen, die so empfinden, wissen, dass dieser innere Kampf normal ist und dass sie mit sich nachsichtiger und mitfühlender sein dürfen.


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Jedes Ziehen im Unterleib, jeder Gang zur Toilette und vor allem jeder Gynäkologie-Termin wird in dieser Phase zur Zitterpartie. Wie hast du diese ständige Alarmbereitschaft deines Nervensystems damals erlebt?
Diese ständige Alarmbereitschaft war unglaublich anstrengend und kräftezehrend. Bei mir kam 2020, mitten in der Pandemie, noch die Sorge vor einer Corona-Ansteckung und möglichen Auswirkungen auf die Schwangerschaft und mein Baby dazu.
Die Angst war wie ein Grundrauschen, das immer irgendwie da war. Mein Kopf machte keinen Unterschied zwischen einer echten Gefahr im Hier und Jetzt und der Erinnerung an das, was sechs Monate zuvor passiert war. Es reichte ein winziger Auslöser und sofort war die Angst wieder da: bei jedem Ziehen im Bauch – während Meetings, beim Fahrradfahren, bei Treffen mit Freunden – zuckte ich zusammen. Lebt mein Baby noch?
Die Ultraschalltermine waren dabei die größte Herausforderung. Den Moment, als meine Gynäkologin im Mai 2019 gesagt hatte: „Es tut mir leid, aber ich kann keinen Herzschlag mehr finden“ – nur wenige Tage, nachdem ich das pochende Herz bestaunen durfte – vergesse ich nie. Ein Jahr später saß ich mit einem neuen Baby im Bauch auf demselben Stuhl.

Nach einem Verlust empfinden viele Frauen eine tiefe Wut auf ihren eigenen Körper. Man fühlt sich vom eigenen System betrogen oder hat das Gefühl, versagt zu haben. Wie war das bei dir und wie zeigt sich dieser Vertrauensverlust konkret im Alltag der Frauen, die du heute begleitest?
Ich war sehr wütend auf meinen Körper und zutiefst enttäuscht von ihm. Wie konnte er nur zulassen, dass ich mein Baby verlor? Dieses Gefühl, keine Kontrolle über meinen eigenen Körper zu haben, war schwer auszuhalten. Warum schaffte er nicht, was andere weibliche Körper zigfach schafften?
Ich hatte immer gedacht, mein Körper weiß, was er tut. Wenn ich zu schnell renne, bekomme ich Seitenstechen. Wenn ich zu viel esse, bläht sich mein Bauch. Bisher hatte er mir immer verlässlich Rückmeldung gegeben – bis zu diesem einen Moment, in dem er es nicht tat. Ich kämpfte nicht nur mit dem Verlust meines Babys, sondern auch mit dem Verlust meines Vertrauens in den eigenen Körper.
Bei den Frauen, die ich heute begleite, zeigt sich dieser Vertrauensverlust unterschiedlich. Manche meiden Berührungen am Bauch, andere mögen sich längere Zeit nicht mehr im Spiegel anschauen. Manche Frauen beginnen, ihren Körper fast minutiös zu beobachten, deuten jedes Ziehen und jedes Zwicken, Haarausfall und Müdigkeit als mögliche Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmt. Das ist auf Dauer sehr anstrengend und ermüdend.

Als systemische Coachin begleitest du Frauen genau auf diesem Weg zurück in die Stabilität. Wie gelingt es, mit diesem Körper, den man vielleicht gerade ablehnt, Schritt für Schritt wieder Frieden zu schließen? Was ist der allererste Schritt zur Versöhnung?
Nach dem schmerzhaften Verlust geht es nicht darum, seinen Körper gleich wieder zu lieben und ihm zu vertrauen. Das ist ein Weg mit vielen kleinen Schritten.
Der erste Schritt ist einfacher, als man denkt, aber oft sehr ungewohnt: den eigenen Körper wieder bewusst beobachten und wahrnehmen. Was macht mein Körper gerade? Was nehme ich wahr – den Boden unter meinen Füßen, die Wärme der Sonnenstrahlen auf der Haut, das prickelnde Sprudelwasser auf der Zunge? Und wo genau im Körper spüre ich all das?
Im Alltag nehmen wir unseren Körper meist als selbstverständlich hin. Erst wenn er krank wird oder wehtut, spüren wir ihn wieder richtig. Eine erste sehr gute Übung besteht darin, sich abends kurz hinzusetzen und einmal von den Füßen bis zum Kopf durchzugehen: Wo spüre ich gerade Anspannung, wo Leichtigkeit, wo einfach nichts Besonderes? Wir dürfen wieder lernen, in uns hinein zu spüren, ohne gleich etwas verändern oder korrigieren zu wollen.

Du sagst, dass Vorfreude und Verlustangst nicht nacheinander, sondern gleichzeitig existieren dürfen und müssen. Wie kann man lernen, diese scheinbar widersprüchlichen Gefühle nebeneinander stehenzulassen, ohne dass die Angst alles überschattet?
Die meisten Frauen versuchen, sich zwischen den beiden Gefühlen zu entscheiden. Entweder freue ich mich, und dann sollte da eigentlich keine Angst mehr sein. Oder ich habe Angst, und dann bleibt kein Platz mehr für Freude. Dabei gibt es bei Gefühlen kein Entweder-oder. Mehrere Gefühle können und dürfen gleichzeitig da sein. Ich darf sagen: „Ich habe Angst vor dem nächsten Ultraschalltermin, UND ich freue mich gleichzeitig so sehr auf mein Baby.“
Was mir dabei geholfen hat, und was ich auch den Frauen mitgebe, die ich begleite: die „Ja-und-Sätze“. Ich versuche nicht, mich für ein Gefühl allein zu entscheiden, sondern ich sage bewusst: „Ja, ich habe Angst vor der Untersuchung und gleichzeitig freue mich darauf, mein Baby zu sehen.“
Eine Situation, an die ich mich dabei besonders erinnere: ein Nachmittag im Möbelhaus. Bei mir gab es diese Situation, die mir bildhaft in Erinnerung geblieben ist und diese Ambivalenz der Gefühle beschreibt: Ich stand vor dem kleinen Babybett, das uns so gut gefiel, habe mir vorgestellt, wie es später neben unserem Elternbett stehen wird – und im selben Moment erwischte ich mich bei dem Gedanken: „Hoffentlich werden wir es auch tatsächlich brauchen.“ Ich war schwanger und hatte Angst. Ich war schwanger und war glücklich.
Wenn eine Leserin gerade diesen Text liest, schwanger ist und merkt, dass die Angst vor dem nächsten Ultraschalltermin sie völlig lähmt: Gibt es eine kleine, praktische Akut-Übung aus deiner Coaching-Praxis, die ihr in diesem Moment sofort wieder etwas Boden unter den Füßen geben kann?
Eine sehr hilfreiche Akut-Übung in dieser Situation ist die folgende: Setz dich bequem hin oder bleib einen Moment an der Stelle stehen, an der du dich befindest. Deine Füße sind fest auf dem Boden. Beginne laut oder in Gedanken aufzuzählen:
- 5 Dinge, die du gerade siehst – zum Beispiel die Bilder an der Wand, die Blumen auf dem Tisch, das Muster der Fliesen, die Uhr über der Tür, deine Hände in deinem Schoß
- 4 Dinge, die du hörst – zum Beispiel das Rascheln von Papier an der Anmeldung, Stimmen aus dem Nebenraum, das Klingeln des Telefons, deinen eigenen Atem
- 3 Dinge, die du spüren kannst – zum Beispiel den Boden unter den Füßen, die Rückenlehne des Stuhls, den Stoff deiner Hose auf der Haut
- 2 Dinge, die du riechst – zum Beispiel die Duftkerze im Wartezimmer, das Desinfektionsmittel
- 1 Sache, die du gerade schmeckst – zum Beispiel das Pfefferminz deines Kaugummis vorhin
Das ist eine klassische Grounding-Übung. Sie funktioniert, weil sie deinen Kopf weg von der Angst vor dem, was sein könnte, und zurück zu dem holt, was gerade tatsächlich da ist. Solche Achtsamkeitstechniken sind nicht nur meine persönliche Empfehlung: Eine Übersichtsarbeit im Fachjournal Mindfulness aus dem Jahr 2017 deutet darauf hin, dass achtsamkeitsbasierte Ansätze in der Schwangerschaft Angst, Stress und depressive Symptome möglicherweise reduzieren können.

Oft ist auch das Umfeld – Partner, Familie, Freunde – hilflos und reagiert mit Sätzen wie ‚Denk einfach positiv, diesmal geht alles gut‘, die Betroffenen aber eher das Gefühl geben, unverstanden zu sein. Was wünschst du dir von Partnern und Freunden im Umgang mit einer Frau in einer Folgeschwangerschaft?
Das Umfeld möchte in dieser Situation helfen und Mut zusprechen, und genau deshalb hört man so oft Sätze wie eben diesen: „Denk einfach positiv, diesmal geht alles gut.“ Mit solchen Sätzen spricht man Betroffenen unbewusst das Recht ab, Angst haben zu dürfen.
Was das Umfeld wirklich tun kann: den Sorgen und Ängsten der werdenden Mütter Raum geben, sie ernst nehmen, nicht kleinreden und nicht beschwichtigen. Besonders hilfreich ist es, Interesse zu zeigen, indem man fragt: „Wie geht es dir heute wirklich, bei dem Gedanken an deinen Arzttermin morgen?“ Für das Umfeld ist es oft schwer nachvollziehbar, aber eine Schwangerschaft nach einer Fehlgeburt ist anders als eine Schwangerschaft ohne Vorgeschichte.
Ganz praktisch kann Unterstützung auch bedeuten, anzubieten, zum Ultraschalltermin mitzukommen, wenn die Frau das möchte. Nach dem Termin lohnt sich außerdem eine einfache Frage, an die die wenigsten denken: nicht nur, wie es dem Baby geht – sondern auch, wie es der Frau selbst geht.
Am Ende braucht es oft nur jemanden, der zuhört und da ist – egal, ob die Angst gerade präsent ist oder nicht.
Wenn du der Julia von damals, die gerade mitten in diesem emotionalen Sturm steckt, etwas sagen könntest, was wäre das?
Ich würde der Julia von 2020 sagen: Diese Angst, die du bei jedem Ziehen im Bauch und bei jedem Ultraschalltermin spürst, macht dich nicht zu einer schlechten werdenden Mutter. Sie zeigt nur, wie sehr du dieses Baby schon jetzt liebst und wie sehr dich der Verlust deiner beiden Babys 2019 geprägt hat. Du musst diese Angst nicht verdrängen, um dich auf dein Baby einlassen zu können.
Diese neun Monate werden dir zeigen, dass Angst und Vertrauen keine Gegensätze sind, sondern nebeneinander existieren dürfen – und dass man mitten in der größten Sorge trotzdem eine tiefe, echte Bindung zu seinem Baby aufbauen kann.
Und ich würde ihr sagen, dass sie aus genau dieser Erfahrung etwas mitnehmen wird, das sie später vielen anderen Frauen weitergibt: das Wissen, wie es sich von innen anfühlt, mit dieser Angst schwanger zu sein und trotzdem Liebe zu spüren. Sie wird einmal nach Sabine Asgodoms Worten leben: „Sei der Mensch, den du selbst gebraucht hättest.“ Daraus wird etwas Wunderbares entstehen – eine Lebensaufgabe mit Herz.
Das Interview führte Kirsten Hemmerde.
Fotos: Julia Sellinat / https://juliasellinat.de
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