„Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt!“ Sabine (Name geändert) berichtet auf Social Media von den Tischregeln in ihrer Familie. „Aufessen! Auch wenn es viel zu fett und zu viel war. Danke an meine Eltern für 132 kg Körpergewicht und immer währendem Hunger. Mein Körper schreit beim leisesten Hungergefühl!“

„Meine Mutter erzählt mir noch heute stolz, wie sie darauf achtete, dass ich in meinem ersten Lebensjahr nicht zu dick werde. Heute habe ich eine Essstöruung“, erzählt eine andere Betroffene.

„Ab 7 Jahren hat meine Mama, die ständig auf Diät war, immer zu mir gesagt: Iss nicht soviel, sonst hast du mit 14 einen fetten Arsch“, erzählt eine weitere junge Frau.

„Iss mal ein bißchen mehr. Du hast so dünne Ärmchen!“ „Mein Bruder hatte als Kind kleine Speckröllchen und wurde gerne mit dem Michelin-Männchen verglichen.“ „Ich will ja nur nicht, dass du mal so fett wirst, wie ich….“ „Wenn du abnimmst, kriegst du einen Hund….“ Einige weitere Erinnerungen von heute Erwachsenen, die mit einer Essstörung kämpfen.

Was machen solche „gut gemeinten“ Kommentare
der Eltern mit den Kindern?

Wir haben uns mit der Psychologin Annika Rötters unterhalten:

Was machen solche „gut gemeinten“ Kommentare der Eltern mit den Kindern?

Alle Kommentare, die auf das Äußere von Kindern zielen – egal ob „Vergleiche mit dem Michelin-Männchen“ oder „Du hast ja so dünne Ärmchen, iss mal ein bisschen mehr!“ – legen den Fokus auf das Erscheinungsbild. 

Ja klar, könnte  man jetzt argumentieren, dass das Erscheinungsbild aber nunmal eben auch eine wichtige Rolle spielt in unserer Gesellschaft – ABER: woran liegt das? Und: ist es wirklich eine gute Idee, Kindern zu suggerieren, dass sie mit einer bestimmten Form der Ernährung jedes Körperideal bedienen können – oder das gar anstreben sollten?

Was macht das mit Kindern? Zunächst einmal ganz offensichtlich: Es zeigt Kindern, dass es „normal“ ist, bewertet zu werden. Dass ihre Bezugspersonen Ansprüche an sie stellen – und ganz krass formuliert: dass sie nicht „gut so“ sind, wie sie eben sind, sondern dass sie sich verändern müssen, um zu gefallen.

DAS ist gleichzeitig eine Botschaft, die die wenigsten Eltern ihren Kindern WIRKLICH mitgeben möchten. Also lohnt sich meiner Erfahrung nach der Blick hinter diese Kommentare. Woher kommen sie und wie können wir verstehen, wann Eltern solche Sätze sagen – um gemeinsam daran zu arbeiten, die Beziehung von Kindern und ihren Eltern zu stärken. 

Letztlich fußen auch solche Kommentare auf dem Glaubenssatz, dass Eltern ihre Kinder vollumfänglich formen – oder formen könnten, und das ist ein gefährlicher Trugschluss. Erziehung und Entwicklung ist viel multidirektionaler als die Einbahnstraße „von Eltern zu Kind“, als die sie oft suggeriert wird. Hinter dieser Aussage steckt auf Elternseite oft ein innerer Druck, einem vermeintlich äußeren Anspruch als Eltern gerecht werden „zu müssen“ – und viele Eltern merken irgendwann selbst, dass solche „gut gemeinten Kommentare“ diesen Druck nicht wegnehmen, sondern ihn an die Kinder weitergeben.

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Wie können Eltern merken, dass sie mit ihrer Formulierung zu weit gegangen sind?

Ich mag hier gerne ein Gedankenexperiment – es lautet „würdest Du Deinem*r Besten*m Freund*in diesen Satz genau so sagen?“. Und wenn die Antwort auf diese Frage „nein“ lautet, dem Kern auf die Spur gehen. Was daran würden wir vielleicht unseren engsten Vertrauten mitteilen wollen – und was nicht? Ist es das „was“ – oder vielleicht das „wie“? und was ist die Motivation, jetzt überhaupt etwas zu sagen?

Können solche Kommentare allein eine Essstörung auslösen?

Zu Auslösern von Ess-Störungen gibt es verschiedene Theorien und Modelle. Was die meisten aktuellen Modelle gemeinsam haben ist ein multidirektionaler Ansatz – jede Ess-Störung ist eine Krankheit, deren individuelle Entstehung und individueller Verlauf von Bedeutung sind.

Genauso wenig, wie fachlich fundiert gesagt werden kann „eine einzelne Aussage kann eine Ess-Störung auslösen“ kann fachlich fundiert gesagt werden „eine einzelne Aussage ist völlig unproblematisch“. Es gibt jedoch Phasen der kindlichen Entwicklung, die besonders sensibel sind, und in denen vermeintlich „kleine“ Ereignisse große Auswirkungen haben können.

In der Pubertät etwa verändert sich der Organismus nicht nur körperlich, auch im Gehirn findet nochmal ein riesiger Entwicklungsschub statt, hormonell verändert sich vieles und die bisherigen Bewältigungsstrategien müssen an all diese Entwicklungsprozesse angepasst werden, was schon alleine eine große Entwicklungsaufgabe ist. Es ist durchaus wichtig, hier auf die Bedeutung achtsamer Sprache hinzuweisen – sowohl für Bezugspersonen als auch Jugendliche selbst mit einzubeziehen. Gleichzeitig gibt es auch Schutzfaktoren, die Kinder und Jugendliche dabei unterstützen können, sicheren Halt in der Veränderung zu finden und kritische Kommentare weniger persönlich zu nehmen.


Annika Rötters

ist Diplom-Psychologin, Hochschuldozentin u.A. für Entwicklungs- und Gesundheitspsychologie, geprüfte Gesprächstherapeutin, ZPP-zertifizierte Resilienztrainerin und Gründerin von „Psychotrainment“.

In ihren Workshops und Fachvorträgen arbeitet sie sowohl regional in NRW als auch online im deutschsprachigen Raum „mit Eltern und anderen Führungskräften“.


Wie macht man es wieder gut, wenn man seine Kinder womöglich verbal verletzt hat?

Wir alle machen Fehler. „Elternsein“ ist nichts, was wir in der Schule lernen – sondern etwas, was durchs Kinder kriegen passiert… Das eigene Kind verbal zu verletzen ist ja (in der Regel) nichts, was beabsichtigt und geplant passiert – sondern ein Fehler.

Wenn eine Verletzung ausgesprochen wurde, ist es zunächst wichtig, dass das ausgesprochen wird. Eine Entschuldigung ist kein Zeichen von Schwäche – Familie ist kein Kampfplatz – sondern eine Möglichkeit, erneut in Beziehung zu gehen. „Hey, ich glaube ich habe Dich eben verletzt. Das ist nicht okay. Was ich gesagt habe, war nicht okay. Mir ist wichtig, dass Du weißt, dass Du genau so gut bist, wie Du bist – und ich Dich genau so lieb habe, wie Du bist.“.

Wenn es wirklich so ist, dass es da ein Problem gibt, was adressiert werden muss (wie etwa starkes Übergewicht), dann empfehle ich eine gute Vorbereitung auf das Gespräch. Dazu gehört: Klar anzusprechen, was das Problem ist. Vorab Klarheit darüber zu haben, wie das Gespräch ausgehen soll und das Ziel des Gespräches zu fokussieren. Im Gespräch dabei stets den Fokus auf die Beziehung und das Gemeinsame Agieren „gegen das Problem“ zu setzen.

Wir können vielleicht nicht verhindern, dass irgendjemand jemals versuchen wird, unsere Kinder zu „hänseln“ – aber wir können unseren Kindern so viel Halt geben, dass sie auch durch turbulente Zeiten nicht aus der Bahn geworfen werden. Und das geschieht nicht durch Härte, sondern durch die Gewissheit einer inneren Sicherheit. 

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