Frau Schreiner-Hirsch, Sie sagen: „Nicht das Zeugnis entscheidet über die Zukunft eines Kindes – sondern wie Eltern darauf reagieren.“ Was meinen Sie damit?
Ein Zeugnis ist eine Momentaufnahme – nicht mehr und nicht weniger. Viel entscheidender ist, welche Botschaft Kinder von ihren Eltern mitnehmen. Fühlen sie sich angenommen und unterstützt oder erleben sie Enttäuschung und Druck? Kinder erinnern sich oft ein Leben lang daran, wie ihre Eltern in schwierigen Momenten reagiert haben. Wer Verständnis zeigt und gemeinsam nach vorne blickt, stärkt das Selbstvertrauen seines Kindes nachhaltig – und festigt gleichzeitig die vertrauensvolle Beziehung zwischen Eltern und Kind.

Warum ist die Zeugniszeit für viele Kinder so belastend?
Für viele Kinder geht es am Zeugnistag um weit mehr als um Noten. Sie fragen sich: Sind meine Eltern stolz auf mich? Bin ich gut genug? Diese Angst vor Enttäuschung oder Ablehnung kann enormen Druck auslösen. Deshalb brauchen Kinder an diesem Tag vor allem eines: die Gewissheit, dass ihre Eltern hinter ihnen stehen – unabhängig von den Noten.
Der Leistungsdruck scheint zuzunehmen. Erleben Sie das auch?
Ja. Viele Kinder erleben Schule heute als Ort hoher Erwartungen. Hinzu kommen soziale Medien, Zukunftssorgen und der ständige Vergleich mit anderen. Umso wichtiger ist es, dass das Zuhause ein sicherer Ort bleibt – ein Ort, an dem Kinder Fehler machen dürfen und trotzdem Rückhalt erfahren.
Wie sollten Eltern reagieren, wenn das Zeugnis schlechter ausfällt als erwartet?
Vor allem ruhig bleiben. Die erste Reaktion der Eltern prägt häufig, wie ein Kind mit Misserfolgen umgehen lernt. Statt Vorwürfen helfen ehrliche Fragen: Woran lag es? Was war schwierig? Was brauchst du, damit es nächstes Mal besser gelingt? Wer zuerst zuhört und dann gemeinsam nach Lösungen sucht, stärkt die Eigenverantwortung seines Kindes – und schafft Vertrauen, weil das Kind erlebt, dass seine Eltern auch in schwierigen Situationen an seiner Seite stehen.

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Was sollten Eltern am Zeugnistag unbedingt vermeiden?
Vergleiche mit Geschwistern oder anderen Kindern. Aussagen wie „Deine Schwester konnte das doch auch“ oder „Andere schaffen das doch auch“ verletzen und setzen Kinder zusätzlich unter Druck. Jedes Kind entwickelt sich unterschiedlich und bringt eigene Talente mit.
Ein Zeugnis zeigt aber natürlich auch, wo es Probleme gibt. Wie finden Eltern die richtige Balance?
Noten dürfen Anlass für Gespräche sein – aber niemals Maßstab für den Wert eines Kindes. Es ist völlig in Ordnung, gemeinsam zu überlegen, wie sich Leistungen verbessern lassen. Wichtig ist nur, dass Kinder spüren: Wir suchen gemeinsam nach Lösungen – nicht nach Schuldigen. Hilfreich ist es außerdem, gar nicht erst bis zum Zeugnistag zu warten. Eltern sollten das ganze Schuljahr über mit ihrem Kind und den Lehrkräften im Gespräch bleiben. Eine gute Erziehungspartnerschaft mit der Schule sowie eine vertrauensvolle Lern- und Gesprächskultur zu Hause sorgen dafür, dass Schwierigkeiten früh erkannt werden und das Zeugnis keine unangenehme Überraschung wird.

Welche Rolle spielen die Stärken eines Kindes?
Eine sehr große. Ein Zeugnis bewertet nur einen kleinen Teil dessen, was ein Kind ausmacht. Eigenschaften wie Hilfsbereitschaft, Kreativität, Verantwortungsbewusstsein, Empathie oder Durchhaltevermögen tauchen dort meist gar nicht auf. Eltern sollten diese Stärken bewusst wahrnehmen und ansprechen. Kinder, die ihre eigenen Fähigkeiten kennen, entwickeln mehr Selbstvertrauen und gehen auch mit Rückschlägen besser um – und erleben gleichzeitig, dass sie von ihren Eltern als ganze Persönlichkeit gesehen und wertgeschätzt werden. Das stärkt auch die Eltern-Kind-Beziehung.
Wie können Eltern die Sommerferien nutzen, wenn das Schuljahr nicht gut gelaufen ist?
Die Ferien sollten zunächst Zeit zum Durchatmen sein. Kinder brauchen Erholung, Bewegung und schöne gemeinsame Erlebnisse. Mit etwas Abstand fällt es leichter, gemeinsam auf das nächste Schuljahr zu schauen und realistische Ziele zu formulieren. Kleine Schritte führen oft weiter als perfektionistische Erwartungen.

Was möchten Sie Eltern zum Schuljahresende mit auf den Weg geben?
Nehmen Sie Ihr Kind zuerst in den Arm – und schauen Sie erst danach auf das Zeugnis. Kinder brauchen keine perfekten Noten, sondern das Gefühl: Ich werde geliebt, auch wenn nicht alles perfekt läuft. Genau dieses Vertrauen gibt ihnen die Kraft, aus Fehlern zu lernen, Herausforderungen anzunehmen und ihren eigenen Weg zu gehen. Und es schafft die wichtigste Grundlage überhaupt: eine starke, verlässliche Beziehung zwischen Eltern und Kind.
Quelle: Kinderschutzbund Landesverband Bayern
Bilder: Kinderschutzbund Landesverband Bayern // Pexels, Tiger Lily
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