Eine Schwangerschaft ist für werdende Mütter eine besonders intensive Zeit, in der sich Vorfreude und Wünsche mit Unsicherheiten abwechseln. Dazu verändert sich der Körper und damit auch der Hormonhaushalt. Etwa fünf Prozent der schwangeren Frauen entwickeln in dieser Zeit einen Schwangerschaftsdiabetes – in der Fachsprache auch Gestationsdiabetes genannt. In Deutschland werden etwa 40.000 Frauen pro Jahr mit dieser Diagnose konfrontiert, die für Betroffene mit zahlreichen Fragen und Sorgen rund um das ungeborene Kind und die eigene Gesundheit verbunden ist.

Dr. Thomas Segiet leitet eine diabetologische Schwerpunktpraxis in Speyer und hat langjährige Erfahrung in der Behandlung von Frauen mit Gestationsdiabetes. Er beantwortet uns die wichtigsten Fragen zum Thema Diabetes und Schwangerschaft und rät grundsätzlich zur Gelassenheit. Denn wenn ein Gestationsdiabetes frühzeitig erkannt und erfolgreich behandelt wird, können Schwangerschaft und Entbindung in der Regel normal verlaufen.


Dr. Thomas Segiet
Niedergelassener Diabetologe,
leitet eine diabetologische Schwerpunktpraxis in Speyer und hat langjährige Erfahrung in der Behandlung von Frauen mit Gestationsdiabetes.


1. Was ist Gestationsdiabetes?  

Normalerweise sorgt das körpereigene Hormon Insulin dafür, dass der Zucker aus der Nahrung in die Zellen wandern kann. Während der Schwangerschaft ist der Körper großen Anstrengungen ausgesetzt und der Hormonhaushalt verändert sich stark. Dabei können Schwangerschaftshormone einerseits die Wirkung des Insulins hemmen, andererseits steigt der Bedarf an Insulin. Wenn jetzt der Körper nicht mehr genügend Insulin produzieren kann oder die Zellen nicht mehr darauf reagieren (Insulinresistenz), kann der Zucker nicht mehr in die Zellen transportiert werden. Dies führt zu dauerhaft erhöhten Blutzuckerwerten und man spricht von einem Gestationsdiabetes.

2. Gibt es besondere Risikogruppen?

Grundsätzlich kann Gestationsdiabetes bei jeder Schwangerschaft auftreten. Es gibt allerdings Faktoren, die das Risiko deutlich erhöhen. Dazu zählen unter anderem Übergewicht der Mutter, zunehmendes Alter, ein ungesunder Lebensstil, Gestationsdiabetes bei einer früheren Schwangerschaft oder auch familiäre Vorbelastungen.

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3. Wie wird Gestationsdiabetes erkannt?

Zu Beginn einer Schwangerschaft kann die Wahrscheinlichkeit eines Gestationsdiabetes durch eine Blutuntersuchung festgestellt werden. Entscheidend ist der orale Glukosetoleranztest, bei dem festgestellt wird, wie stark der Blutzucker nach dem Trinken einer Zuckerlösung ansteigt. Dieser Test gehört zur gesetzlichen Krankenkassenleistung und wird in der Regel zwischen der 24. und 28. Schwangerschaftswoche vom Frauenarzt durchgeführt. Wenn bereits Risikofaktoren für einen Gestationsdiabetes vorliegen, sollte dieser Test vor der 24. Schwangerschaftswoche stattfinden.

4. Was sind mögliche Folgen?

Es ist wichtig, dass ein Gestationsdiabetes frühzeigt erkannt und therapiert wird. Bleibt er unbehandelt, können die akuten und die langfristigen Folgen für Mutter und Kind gravierend sein. Bei der werdenden Mutter kann es unter anderem zu Harnwegsinfekten, Bluthochdruck, Wassereinlagerungen, einem dauerhaften Typ-2-Diabetes oder Geburtskomplikationen wie einer Frühgeburt kommen. Die Folgen für das Ungeborene können unter anderem übermäßiges Wachstum im Mutterleib (Makrosomie), Fehlbildungen durch eine gestörte Entwicklung der Plazenta oder Atemnot sowie Gelbsucht nach der Entbindung sein.

5. Wie sieht die Therapie aus?

Wenn der orale Glukosetoleranztest positiv ausfällt, werden betroffene Schwangere an einen Diabetologen zur weiteren Abklärung und Behandlung überwiesen. Das Ziel der Therapie ist es, die Blutzuckerwerte so in den Griff zu bekommen, dass sie in einem vorher bestimmten Bereich bleiben, dem sogenannten Zielbereich. Ob die Werte im Zielbereich liegen, kontrollieren die Patientinnen selbst, indem sie regelmäßig ihren Blutzucker messen. In etwa 80 Prozent der Fälle gelingt es über eine gesunde und ausgewogene Ernährung sowie regelmäßige Bewegung eine gute Einstellung zu erzielen. Bei etwa 20 Prozent der Betroffenen bleiben die Blutzuckerwerte dennoch zu hoch. In diesem Fall kann eine Insulintherapie notwendig sein.

6. Wie kontrolliert man seine Blutzuckerwerte?

Die Basis für eine erfolgreiche Therapie bilden die Selbstkontrolle und die Dokumentation der Blutzuckerwerte. Moderne Blutzuckermessgeräte wie Accu-Chek Guide ermöglichen eine unkomplizierte und präzise Messung, die auch bei Störsubstanzen wie Medikamenten (zum Beispiel L-Thyroxin zur Behandlung von Schilddrüsenproblemen) zuverlässige Werte liefert. Für die Dokumentation bietet sich ein digitales Tagebuch wie die mySugr App an. Der Vorteil: Die gemessenen Werte wandern automatisch per Bluetooth in die App, wo zusätzliche Angaben wie Insulinabgaben, Nährwerte und sogar Mahlzeitenfotos einfach ergänzt werden können. Die App stellt den Verlauf der Werte grafisch dar, wodurch sich Zusammenhänge zwischen dem Lebensstil und den Blutzuckerwerten auf einen Blick erkennen lassen. Davon profitiert nicht nur die werdende Mutter, sondern auch der Arzt, der schneller einen besseren Überblick über den Therapieverlauf gewinnt.

7. Was bedeutet Gestationsdiabetes für die Planung der Geburt?

Frauen mit Gestationsdiabetes sollten eine Klinik mit angeschlossener Kinderklinik wählen – für Schwangere mit Insulinbehandlung ist das sogar Pflicht. Für den Geburtstermin gilt: je pünktlicher, desto besser. Wenn der Gestationsdiabetes ohne Insulin behandelt wird, kann der errechnete Geburtstermin auch um einige Tage überschritten werden. Ein wichtiger Tipp noch für die Zeit nach der Geburt: Stillen ist nicht nur für das Baby gesund, sondern senkt das Risiko, dass Mütter mit Schwangerschaftsdiabetes später an Typ-2-Diabetes erkranken, um 40 Prozent.1  

1 https://www.gesundheitsforschung-bmbf.de/de/schwangerschaftsdiabetes-stillen-schutzt-mutter-langfristig-vor-typ-2-diabetes-risiko-sinkt-2713.php


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