Ein lahmes Sexleben ist keine Option!

“Unser Sexleben bleibt immer aufregend! Bei uns kehrt im Bett nie Alltag oder Langeweile ein! Auch wenn ein Baby da ist!“ versprechen sich viele Paare vor der Familienplanung. Und doch kommt dann alles anders – im wahrsten Sinne des Wortes.

Was rät die Expertin werdenden Eltern? Soll man jede freie Sekunde mit Sex verbringen, solange das Bäuchlein wächst, weil – wenn das Baby da ist – keine Zeit und womöglich keine Lust mehr da ist? 

Wir haben uns einige Anregngen von Henriette Hell geholt.


Henriette Hell
arbeitet als Journalistin und Autorin.

Sie schreibt gern, ehrlich und lässig über Sex. Ihr erstes Buch „Achtung, ich komme! In 80 Orgasmen um die Welt“ wurde direkt zum Bestseller. Ihre Kolumne „Love from Hell“ im STERN war für viele ein wöchentliches Must-read.  


Ihr neues Buch:
Fuckability, Orgasm-Gap und #metoo


mampa:
Ist es womöglich anregend, neue Stellungen auszuprobieren, wenn der Bauch dann im Weg ist?

Henriette Hell:
Man soll oder muss gar nichts. Lust kommt, wann sie will – und auf Vorrat vögeln funktioniert sowieso nicht. Viel schlauer: Von gängigen Mustern abweichen und statt anstrengender Stellungen lieber auf
gemütliche Handjobs ausweichen. Mal nur für sie, mal nur für ihn, mal beide zusammen. 

mampa:
Dann ist das Kind da. Die Freude ist groß. Doch die Prioritäten verlagern sich. Vor allem Mama ist zumindest eine Weile damit beschäftigt, sich 24/7 um den Sproß zu kümmern. Wie überwindet man diese Durststrecke? Baggerversuche des Partners sind nicht wirklich willkommen. Wie steigt man wieder ins Sexleben ein?

Henriette Hell:
Was heißt hier „vor allem Mama“? Beide Partner:innen sollten sich von Beginn an möglichst gleich viel um das Kind kümmern, damit beide in etwa auf einem ähnlichen Erschöpfungs- und Lustlevel sind. Wussten Sie, dass sexlose Ehen im Trend liegen? Es redet bloß keine:r darüber, weil es in unserer übersexualisierten Gesellschaft, in der die BDSM-Lovestory „Fifty Shades of Grey“ in der Primetime läuft und sogar Gulaschsuppe mit Zweideutigkeiten verkauft wird, zum größten Tabu geworden ist KEINE Lust mehr zu empfinden.

Der britische Professor David Spiegelhalter glaubt außerdem, dass spannende Serien wie „Game of Thrones“ dafür verantwortlich seien, dass wir immer weniger Sex haben. Seine These: Keine Langeweile, kein Sex. Allerdings werden viele Produktionen immer krasser, damit die Zuschauer:innen bloß nicht umschalten. Sex verkommt also offenbar immer mehr zum Plan B, wenn sonst nichts Geiles läuft. 

Um überhaupt noch etwas zu spüren, müssen für einige immer krassere (digitale) Kicks her. Dabei ist die Sexflaute längst da! Eine Studie hat ergeben, dass die Deutschen – mehr als 50 Jahre nach der sexuellen Revolution und rund 80 Jahre nach den Wilden Zwanzigern – nahezu verlernt haben zu genießen und auch immer weniger Sex haben. Klar, wir sind zum Teil einfach vollkommen überreizt und übersättigt. Schuld ist sicherlich auch das Smartphone, auf das wir durchschnittlich 3,7 Stunden am Tag starren – statt dem oder der Liebsten in die Augen. Für mich die Wurzel allen Übels: Weg mit
den blöden Endgeräten, her mit echter Nähe – zum Beispiel beim gemeinsam zelebrierten Abendessen oder einer Schachpartie, in Ausgehklamotten, bei einem Gin-Tonic.
Dabei sitzt man sich gegenüber, schaut sich in die Augen, redet. Anderthalb Stunden, mindestens. Statt immer nur die Influencer:innen oder Serienstars reden zu lassen. 



mampa:
Nach einigen Jahren Partnerschaft schläft womöglich die Lust ein…. der erste Schritt, um sich auseinanderzuleben. Wie vermeiden wir das? Verabredung zum Sex? Sex nach Terminplan? Sex, während die Kids in der Schule sind?

Henriette Hell:
Wartet bloß nicht, bis ihr endlich mal wieder so richtig scharf aufeinander seid, wie früher, frisch nach dem Kennenlernen (das ist rein biologisch gar nicht mehr möglich, sorry), sondern TUT es einfach, wann immer es zwischendurch passt, sonst wartet ihr ewig. Der Appetit kommt beim Essen.

Quält euch nicht mit Gedanken an früher, sondern erfindet euch als Paar neu und stellt euch auf andere Bedürfnisse ein. Tipp an die Männer: Auch (nackt) Kuscheln, küssen, fummeln ist Sex. Und: Es nimmt den Druck raus, wenn ihr ab und zu von vornherein verabredet, dass es heute mal nicht zum Äußersten
kommen wird. Tut alles, was euch Lust bereitet, aber schön langsam und mit Gefühl. 

Liebe Henriette Hell!
Taussend Dank für das spannende Gespräch!
Maria Burges