Man hat es mit Liebe, mit Verständnis, mit klaren Ansagen, mit schimpfen… quasi mit allen Mitteln versucht – und nichts fruchtet! Was kann ich tun, wenn mein Kind so gar nicht folgen möchte, wenn es sich an keine Regel hält? Selbst, wenn man dem Kind erklärt, warum eine Regel Sinn macht und warum man sie eingeführt hat…

Kinder fordern Eltern heraus: „Wie weit kann ich gehen, bevor Mama, bevor Papa ausstickt…!?“ Aber möchte man das? Man hat als Eltern eigentlich nur Liebe für sein Kind übrig und so gar keine Lust auf Konfrontationen. Wie also gehe ich mit einem Kind um, dass sich an keine Regel hält? Liebevolles Zureden und grenzenloses Verständnis hat ja auch mal seine Grenzen?

Wir haben uns mit Familiencoach Leonie Ries unterhalten:

Leonie Ries:

Diese Frage höre ich oft in meinen Beratungen. Ich habe Verständnis, dass sich Eltern damit schwertun, denn in unserer Gesellschaft geht es oft um das Einhalten von Regeln. Das Erfüllen von Erwartungen. Es fängt im Kindergarten an, geht dann über die Schule schließlich bis ins Arbeitsleben so weiter. Diese Grundsätze haben wir als Kinder selbst so gelernt und erfahren. Gleichzeitig wissen wir nach neusten Forschungen, dass viele Erziehungsmethoden, wie Belohnung und Bestrafung, nicht mehr zeitgemäß sind und ein Umdenken stattfindet. Eltern gehen auf Augenhöhe und möchten ihre Kinder zu selbstbewussten, empathischen und starken Persönlichkeiten erziehen, statt zu folgsamen Arbeiter/innen.


Leonie Ries, Familiencoach.
„Begleite Dein Kind liebevoll durch die Turbulenzen des Alltags!“


Wenn es nun aber zu Konflikten in der Familie kommt, ist es sehr hilfreich, sich dieser Diskrepanz zwischen der eigenen Vergangenheit, dem gesellschaftlichen Anspruch und den eigenen Überzeugungen bewusst zu werden. Aus „Ordnung ist das halbe Leben“ kann dadurch „mir ist Ordnung wichtig“ werden. Vielleicht ist mir Ordnung aber auch gar nicht so wichtig, sondern eher Harmonie. Oft hilft es schon, sich selbst bewusst zu machen, wo meine Prioritäten sind und diese dann klar zu kommunizieren. Bleiben wir beim Beispiel „Ordnung“

Stell Dir erstmal die Frage: Was will ich eigentlich? Die Antwort könnte lauten: ich will einen ordentlichen Flur haben, also erwarte ich, dass die Kinder beim Heimkommen ihre Jacken aufhängen. Liegt eine Jacke auf dem Boden, fange ich an, mich zu ärgern, weil mein Wunsch von anderen nicht respektiert wird. Wenn ich in meiner Wut mit den Kindern rede, dann geht es nur noch um eine hierarchische Zurechtweisung, nicht mehr um die Sache. In den wenigsten Fällen versuchen Eltern wirklich zu verstehen, warum das Kind die Jacke nicht aufgehängt hat und meinen, wenn sie in freundlichem und nettem Tonfall fragen, dann wären sie ja verständnisvoll.

Die Erwartung dahinter ist allerdings genau die Gleiche „Das Kind hat zu tun, was ich sage“.

Und die dahinterstehende Haltung ist, dass Kinder „funktionieren“ müssen und wir brauchen nur den richtigen Trick anzuwenden, damit alles nach unseren Vorstellungen läuft. Kinder sind aber weder Maschinen noch Tiere, die wir nach unseren Vorstellungen programmieren oder dressieren können. Es sind Menschen, die sehr viel weniger Lebenserfahrung besitzen, als wir und in vielen Dinge noch lernen und sich entwickeln dürfen.

Gleichzeitig haben wir viele Erfahrungen gemacht, die uns geprägt haben und so kann es sein, dass wir in der Situation nicht nur eine Jacke im Flur liegen sehen, sondern eine ganze Reihe an Gedanken haben wie: „Das Kind hat keinen Respekt vor mir“, „Es ist ihm egal, was ich sage“, „Das Kind glaubt wohl, ich räume ihm alles hinterher“ oder „Was soll bloß mal aus ihm/ihr werden!“

Die objektive Sichtweise der Situation ist lediglich: Das Kind kam nach Hause, hat die Jacke ausgezogen und ist weiter gegangen.

Daher sollten sich Eltern in erster Linie fragen, was ist mir denn gerade wichtig und wie geht es mir? Denn aus der Wut oder dem Ärger heraus gehen wir in die Konfrontation und das Kind wird sich verteidigen wollen. Daraus entsteht dann meist ein Konflikt auf emotionaler Ebene mit dem Ergebnis, dass das Kind sich als Person ungeliebt und falsch fühlt. Daraus kann ein Teufelskreis entstehen, der sich negativ auf den Selbstwert des Kindes auswirkt.

Wenn ich herausgefunden habe, was mich gerade wirklich stört und was ich möchte, ist der nächste Punkt das Beobachten und Verstehen des Kindes. Wenn mir bewusst wird, dass das Kind in dem Moment lediglich nicht ans Aufhängen gedacht hat oder vielleicht dringend auf Toilette musste, dann lässt meist die Intensität meiner Gefühle nach und ich kann dann zum nächsten Punkt übergehen. Versuche zu erkennen, was genau Dein Kind braucht, um mitmachen zu können. Je nach Alter kannst Du auch konkret fragen „Was würde Dir dabei helfen, direkt die Jacke aufzuhängen?“ Das könnte zum einen ein Plakat direkt im Flur sein. Vielleicht hilft es auch, einen Haken auf Kinderhöhe oder in Türnähe anzubringen.

Besprecht gemeinsam Familienregeln, am besten zu einem vereinbarten Termin und nicht mitten im Konflikt. Hierbei kommt jeder zu Wort, Eltern und Kinder:

  • Was macht das Zusammenleben schöner und einfacher?
  • Wem ist was wichtig?
  • Diese gemeinsam aufgestellten Regeln könnt ihr schriftlich (bei kleineren Kindern mit Bildern) festhalten und nach Wunsch für alle sichtbar aufhängen.

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Natürlich wäre es jetzt toll, wenn das nun die Garantie dafür ist, dass niemals eine Jacke mehr auf dem Boden liegen würde, aber wir alle sind Menschen und unsere Kinder sind Kinder.

Druck und unerfüllte Erwartung sind ein Teufelskreis, daher erfordert es Energie und Geduld, ihn aufzulösen. Dazu gehört im ersten Schritt die Erwartungshaltung an die Veränderung selbst.

Viele Familien nehmen dabei meine Unterstützung in Anspruch. Dadurch gelingt es ihnen leichter, nachhaltig aus gewohnten Mustern auszubrechen.

Themen wie diese sind oft nur die Spitze des Eisbergs. Hinter manchem Ungehorsam habe ich schon völlig unerwartete Ursachen entdeckt. Das mag ernüchternd klingen, aber den Eisberg zu erkennen, ermöglicht uns überhaupt erst, daran zu arbeiten. Damit übernehmen wir als Eltern die Verantwortung für die richtigen Dinge und können eine ganz andere Ebene von Familienleben erreichen. Eines, wie wir es uns immer gewünscht haben. Mit wertschätzendem, offenem Umgang bis ins Erwachsenenalter.

Liebe Leonie Ries, lieben Dank für das spannende Gespräch!


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